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IRAN-Inside: Interview mit dem österreichischen Wirtschaftsdelegierten in Teheran

Wir sprachen mit Dr. Weingartner über das Um und Auf im Arbeitsalltag, anfänglichen Überraschungen und Stärken des Iran. 

Dr. Georg Weingartner war nach seinem Studium einige Jahre in der Energiewirtschaft tätig und trat 1998 der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA der WKÖ bei. Nach beruflichen Stationen als stellvertretender Wirtschaftsdelegierter in Bangkok, Frankfurt/Main und Abu Dhabi ist er seit 2012 Wirtschaftsdelegierter in Teheran und zuständig für die Märkte Iran und Afghanistan. 

Dr. Georg Weingartner ist seit 2012 Wirtschaftsdelegierter in Teheran und zuständig für die Märkte Iran und Afghanistan.

Sie sind seit September 2012 österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Teheran. Was waren für Sie die ersten, vielleicht auch überraschenden Learnings im Alltagsleben?
Dr. Weingartner: Das erste wirkliche „Aha“-Erlebnis war die Offenheit und Gastfreundschaft der Iraner. Als Ausländer wird man sehr schnell vor Ort in die Netzwerke der Iraner integriert. Iraner sind sehr interessiert an einem Gedankenaustausch mit Europäern und auch sehr neugierig. Sie sind auch sehr kunstsinnig. Ich erinnere mich gut an ein Abendessen im ersten Monat vor Ort, bei dem der Gastgeber vor versammelter Runde plötzlich ankündigte, dass einer der Gäste nun für alle singen würde, da er ein berühmter Sänger sei. Das folgende Ständchen wurde von allen Beteiligten begeistert beklatscht. Die nächste Frage war dann direkt an mich gerichtet: „Spielen Sie ein Instrument? Wir haben viele Instrumente hier – wollen Sie für uns etwas spielen ? …“. Nur wenig später passierte es mir an einem Lagerfeuer tief in der Wüste, dass jemand persische Gedichte zu rezitieren begann und ich dann ebenfalls ermuntert wurde, Verse zum Besten zu geben. Meine „Fromme Helene“ von Wilhelm Busch wurde dann auch mit Begeisterung aufgenommen - auch wenn die meisten mangels deutscher Sprachkenntnisse nicht verstanden, um was es dabei ging.

"Es gibt leistungsfähige, privat-produzierende Unternehmen, die auch sehr innovativ sind"

An welche positiven ersten Eindrücke erinnern Sie sich?
Teheran als Stadt war vom ersten Eindruck her vollkommen anders als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Es hat einen südeuropäischen Touch, erinnert mich an Istanbul vor 20 Jahren. Ich war überrascht von der lebhaften Kunstszene in dieser Stadt und auch von den Sportmöglichkeiten. Und die Partyszene in Teheran ist nicht zu Unrecht legendär – wenn sich auch alles nur im privaten Bereich abspielt. Auch die Wirtschaftswelt ist – anders als es von außen den Anschein hat – schillernd und bunt. Natürlich ist die Wirtschaft stark vom Staat dominiert, aber in vielen Bereichen – v.a. in der Pharma-, Lebensmittel- oder Konsumgüterindustrie – gibt es leistungsfähige private produzierende Unternehmen, die auch sehr innovativ sind.

Gibt es Dinge, die ein Iran-Neuling beachten sollte, um einen faux pas zu vermeiden?
Es gibt nicht einen Iran – es gibt zwei Parallelwelten, die nebeneinander existieren. Einerseits gibt es den modernen, weltoffenen Iran mit vielfach hochgebildeten oder zumindest recht weltoffenen Menschen, die auch von ihrer Mentalität stark US-amerikanisch oder europäisch geprägt sind. Diese Gruppe umfasst auch viele der jungen Menschen und nicht wenige davon waren schon einmal im Ausland oder haben zumindest Verwandte dort. Sie nutzen iPhones, laden Filme aus dem Internet herunter und hören westliche Musik. Bei vielen dieser Iraner ist auch eine interessante und innovative Vermischung ihrer eigenen Kultur mit westlichen Einflüssen zu sehen, woraus sich ein sehr faszinierendes Gesamtes ergibt. Beim Umgang mit dieser Gruppe gibt es keine besonderen Umgangsformen, die zu beachten sind. Man benimmt sich einfach wie in Europa auch und fährt damit ausgezeichnet.

Zweitens gibt es den traditionellen, eher konservativen Iran, den man aus den Medien kennt. Diese Gruppe wurde durch die Medien in den vergangenen Jahren zur Genüge im Westen  porträtiert und ist v.a. in der ärmeren, ländlichen Bevölkerung noch stark verankert. Im Umgang mit dieser Gruppe sind gewisse, aus dem islamischen Gesellschaftskontext resultierende Verhaltensregeln zu beachten. So sollte man Frauen als Mann nicht die Hand geben oder als Frau nicht allzu aufreizend angezogen oder geschminkt sein. Allerdings kann es auch in dieser Gruppe vorkommen, dass sich konservative Gesprächspartner auf den zweiten Blick als sehr weltgewandt und nicht ganz so konservativ herausstellen, wie es zu Anfangs den Eindruck hat. Auch das ist der Iran: jeder hat Masken, die er zu bestimmten Anlässen aufsetzt und dann auch wieder abnimmt, wenn die Situation es erlaubt.

Wie unterscheidet sich Ihr Arbeitsalltag von jenem in anderen Ländern, wo Sie bislang tätig waren?
Den Arbeitsalltag im Iran kann man mit dem in südeuropäischen Ländern vergleichen. Die Iraner sind – für regionale Verhältnisse – im geschäftlichen Umgang relativ pünktlich. Das soll natürlich nicht heißen, dass im Iran skandinavische Verhältnisse herrschen. Aber bislang habe ich noch nicht erlebt, dass sich Geschäftspartner oder Offizielle massiv verspäteten – außer sie gerieten in einen Stau. Das Arbeitsleben ist im Iran stark vom Knüpfen von Kontakten geprägt. Man trifft sich auch außerhalb der Arbeitszeiten, etwa zu Hause, und führt dort die Gespräche in lockerer Atmosphäre weiter. Eine gute und kontinuierliche Kontaktpflege ist für den Geschäftserfolg absolut notwendig.

Wo sehen Sie die Stärken des Iran, von denen Österreich lernen könnte?
Die aus meiner Sicht gewaltigste Stärke des Iran ist seine herausragende Bildungskultur. Bildung ist im Iran seit Jahrhunderten ein hohes Gut, berühmte iranische Dichter genießen hierzulande den Status von Volkshelden. Einer meiner Kollegen hat den Iran einmal sehr treffend als „Land der Dichter“ bezeichnet. Menschen werden vielfach in erster Linie nach ihrer Bildung beurteilt, erst danach an ihrem Erfolg oder an ihren materiellen Gütern. Auch arme Familien am Land versuchen, ihren Kindern die bestmögliche Bildung angedeihen zu lassen. 34 % der jungen Iraner zwischen 18 und 25 Jahren studieren an Universitäten, davon sind 60 % weiblich. Hier können wir als Österreicher definitiv etwas lernen.

"Eine ferngesteuerte Marktbearbeitung aus Europa heraus wird nicht funktionieren"

Und umgekehrt?
Die Iraner sind sehr gastfreundlich, aber nicht serviceorientiert. Das merkt man als Reisender spätestens, wenn man in einem lokalen Hotel eincheckt. Hier können die Iraner definitiv noch etwas lernen, wir sind ja nicht umsonst berühmt für die sprichwörtliche „Österreichische Gemütlichkeit“. Von unserer Seite laufen hier auch schon einige Initiativen mit dem iranischen Tourismussektor.

Was muss man tun, um im Iran erfolgreich zu sein, wo sehen Sie Herausforderungen?
Geschäftlicher Erfolg im Iran steht und fällt mit den Kontakten vor Ort. Als europäischer Unternehmer muss man Kontakte aufbauen und auch pflegen. Viele österreichische Unternehmen haben ihre Kontakte und Beziehungen zu den iranischen Partnern auch in schwierigen Sanktionszeiten nie abreißen lassen und die iranischen Partner danken es ihnen, indem sie ihnen nun weiterhin die Stange halten. Um diese Kontakte zu knüpfen, ist ein Vertreter vor Ort oder eine Niederlassung unumgänglich. Eine ferngesteuerte Marktbearbeitung aus Europa heraus wird nicht funktionieren. Ebenso wenig ist es erfolgversprechend, sich primär auf elektronische Marketingkanäle zu verlassen. Der persönliche Kontakt gibt letztendlich den Ausschlag. Aufgrund seiner Komplexität eignet sich der iranische Markt eher für geübte Exporteure, die bereits Erfahrung in Fernmärkten haben. Ein zusätzlicher Faktor, der im Irangeschäft zu berücksichtigen ist, ist die Sanktionslage und insbesondere die Problematik des Zahlungsverkehrs aufgrund der Finanzsanktionen. Die Zahlungsabwicklung ist für nicht sanktionierte Güter möglich, aber sie ist umständlich, langwierig und teuer.

"Das Land ist ein historisches Schatzkästchen"

Eine abschließende Frage – welche Freizeittipps haben Sie für unsere Leser?
Wenn Sie nach Teheran kommen – freunden Sie sich mit einem Iraner an. Das wird sehr schnell geschehen, denn insbesondere die jungen Menschen sind sehr offen und neugierig. Wo es Sie dann hinverschlägt, hängt von diesen Bekannten ab: ob zum Schifahren in die Berge, auf hippe Parties oder zu einer Wüstentour. Natürlich kann man den Iran auch auf eigene Faust entdecken. Das Land ist ein historisches Schatzkästchen, in fast jedem Dorf finden sich Überreste aus vergangenen Epochen. Und die Landschaft ist atemberaubend und lädt geradezu ein, entdeckt zu werden.

MMag. Dr. Georg Weingartner ist Podiumsdiskutant im Rahmen der Veranstaltung Businesstalk Iran am 30.11.2015 in Wien.

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